Gianni Infantino: Der geliebteste Mann des Weltfußballs
Eine satirische Hommage an einen selbstlosen Funktionär, dem zufällig immer alle zustimmen.
Es gibt Menschen, deren Beliebtheit sich kaum in Zahlen ausdrücken lässt. Nelson Mandela gehörte dazu. Mutter Teresa vermutlich auch. Und dann wäre da Gianni Infantino.
Der FIFA-Präsident wurde 2019 und 2023 ohne Gegenkandidaten im Amt bestätigt – jeweils per Akklamation. Wo andere Politiker Wahlkampf führen, Kritiker überzeugen und sich unangenehmen Gegenkandidaten stellen müssen, genügt bei Infantino offenbar allgemeines Kopfnicken. Die gefühlten 99 Prozent Zustimmung sind somit keine bloße Mehrheit. Sie sind eine globale Umarmung durch die Fußballfamilie. Kim Jong-un dürfte angesichts dieser natürlichen Einigkeit gelegentlich etwas neidisch nach Zürich blicken.
Dass gewöhnliche Fans Infantinos Wirken mitunter kritischer beurteilen, kann eigentlich nur auf einem Missverständnis beruhen. Ihnen fehlt der Überblick. Sie sehen überfüllte Spielpläne, fragwürdige Gastgeber und steigende Ticketpreise. Infantino dagegen sieht Einheit, Entwicklung und selbstverständlich die „beste WM aller Zeiten“.
Ein Präsident, der keine Gegenkandidaten braucht
Demokratie kann so einfach sein, wenn alle dasselbe wollen. Oder zumindest niemand auf die Idee kommt, öffentlich etwas anderes zu wollen.
Als Infantino 2019 für eine weitere Amtszeit kandidierte, trat niemand gegen ihn an. 2023 wiederholte sich dieses bewegende Schauspiel. Der FIFA-Kongress bestätigte ihn erneut per Akklamation. Eine geheime Abstimmung hätte schließlich nur unnötig Papier verbraucht und damit dem Klima geschadet.
Die FIFA zählt 211 Mitgliedsverbände. Viele davon profitieren vom Entwicklungsprogramm FIFA Forward, über das Geld für Stadien, Trainingsplätze, Nachwuchsarbeit, Frauenfußball und Verbandsstrukturen bereitgestellt wird. Kritische Menschen könnten darin ein System gegenseitiger Abhängigkeiten erkennen. Das wäre jedoch eine ausgesprochen lieblose Interpretation.
Richtig heißt es natürlich: finanzielle Umverteilung.
Die FIFA verteilt Einnahmen an ihre Mitglieder. Die Mitglieder verteilen Zustimmung an den Präsidenten. So zirkuliert die Wertschätzung
„Heute fühle ich mich …“ – das Chamäleon der Empathie
Seinen emotionalen Höhepunkt erreichte Infantinos Präsidentschaft kurz vor der WM 2022 in Katar. Damals erklärte er vor Journalisten unter anderem: „Heute fühle ich mich katarisch. Heute fühle ich mich arabisch. Heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich schwul. Heute fühle ich mich behindert. Heute fühle ich mich wie ein Arbeitsmigrant.“
Andere Menschen benötigen Jahre, um die Erfahrungen einer benachteiligten Gruppe wenigstens ansatzweise zu verstehen. Infantino schaffte gleich mehrere Identitäten an einem Vormittag. Das ist keine kulturelle Aneignung. Das ist emotionales Multitasking auf Weltklasseniveau.
Besonders beeindruckend war der Zeitpunkt. Menschenrechtsorganisationen kritisierten die Lage von Arbeitsmigranten und queeren Menschen in Katar. Infantino reagierte nicht mit langweiligen Detailfragen zu Arbeitsbedingungen, Entschädigungen oder Strafgesetzen. Er bot etwas viel Wertvolleres an: seine Gefühle.
Wer könnte sich danach noch ungehört fühlen? Ein mächtiger Schweizer Fußballfunktionär hatte sich schließlich für einige Minuten persönlich in nahezu jede betroffene Gruppe hineinversetzt.
„Heute fühle ich mich …“ ist deshalb weit mehr als ein Zitat. Es ist eine universelle Regierungsmethode. Heute fühlt man sich als Kritiker. Morgen als Gastgeber. Und übermorgen fühlt man sich wieder bereit, den nächsten Milliardenvertrag zu unterschreiben.
Mehr Teilnehmer, mehr Spiele, mehr Nächstenliebe
Infantinos größte Stärke ist seine grenzenlose Großzügigkeit. Die Männer-WM wurde von 32 auf 48 Mannschaften erweitert. Die neue Klub-WM startete mit 32 Teams. Denn Fußball verbindet die Welt am zuverlässigsten, wenn möglichst viele zusätzliche Spiele verkauft werden können.
Offiziell geht es um globale Teilhabe. Und wer wollte ernsthaft etwas gegen Teilhabe sagen?
Endlich dürfen mehr Nationalmannschaften an einer Weltmeisterschaft teilnehmen. Endlich können noch mehr Verbandspräsidenten ihren Wählern erklären, dass die Qualifikation geglückt ist. Und endlich erhält die FIFA zusätzliche Spiele, Sendezeiten, Sponsorenflächen und Einnahmemöglichkeiten. Es ist jene seltene Form der Wohltätigkeit, bei der der Wohltäter selbst immer reicher wird.
Natürlich behaupten Zyniker, die Erweiterung sichere Infantino die Unterstützung kleinerer und bislang sportlich weniger erfolgreicher Verbände. Dabei möchte er doch nur, dass wirklich jeder einmal bei einer WM verlieren darf.
Auch Spieler und Vereine dürfen von seiner Fürsorge profitieren. Sie erhalten mehr Begegnungen, mehr Reisen und mehr Gelegenheiten, ihre körperlichen Belastungsgrenzen kennenzulernen. Erschöpfung ist schließlich nur ein anderes Wort für internationale Sichtbarkeit.
„Football Unites the World“ lautet die passende Botschaft. Und tatsächlich: Nichts vereint Vereine, Ligen und Spielervertretungen so zuverlässig wie die gemeinsame Sorge vor einem vollständig überladenen Kalender.
Die WM 2030 als ökologisches Meisterwerk
Früher wurde eine Weltmeisterschaft meist in einem Land oder einer überschaubaren Region ausgetragen. Doch solche kleingeistigen Konzepte passen nicht zu einem Visionär wie Infantino.
Die WM 2030 findet in sechs Ländern auf drei Kontinenten statt. Marokko, Portugal und Spanien sind die Hauptgastgeber. Zusätzlich werden drei Jubiläumsspiele in Argentinien, Paraguay und Uruguay ausgetragen. Damit würdigt die FIFA den hundertsten Geburtstag der Weltmeisterschaft – und zugleich die beinahe vergessene Tradition des Langstreckenflugs.
Kritiker rechnen möglicherweise mit zusätzlichen Reisen, höheren Emissionen und komplexer Logistik. Sie haben den tieferen ökologischen Gedanken noch nicht verstanden. Infantino bringt die Kontinente einander auch atmosphärisch näher. Jeder Flug trägt ein kleines Stück südamerikanische Luft nach Europa und umgekehrt.
Andere Organisationen veranstalten Klimakonferenzen. Die FIFA fliegt einfach direkt über das Problem hinweg.
Die Konstruktion besitzt zudem einen strategischen Nebeneffekt: Weil Südamerika, Europa und Afrika an der WM 2030 beteiligt sind, waren große Teile der Welt für den folgenden Vergabezyklus blockiert. So blieb für 2034 ein überschaubares Bewerberfeld. Manchmal benötigt globale Einheit eben eine ausgesprochen sorgfältige Geografie.
Saudi-Arabien und die Wüste der Möglichkeiten
Die WM 2034 wurde an Saudi-Arabien vergeben. Wieder gab es keinen störenden Wettbewerb zwischen mehreren Bewerbern. Das Königreich war der einzige Kandidat und wurde von den FIFA-Mitgliedern per Akklamation bestätigt. Reibungsloser kann ein sorgfältiger Auswahlprozess kaum ablaufen.
Menschenrechtsorganisationen äußerten Kritik. Sie verwiesen unter anderem auf eingeschränkte Meinungsfreiheit, die Situation von Frauen, den Umgang mit Arbeitsmigranten und die Kriminalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Doch Infantino weiß: Menschenrechte entwickeln sich am besten im warmen Licht milliardenschwerer Infrastrukturprojekte.
Er scheut weder Mühen noch Menschenrechte, um den Fußball selbst in die entlegensten Wüsten der Finanzwelt zu tragen.
Ohnehin sollte man die Liebe der FIFA zu wohlhabenden Golfstaaten nicht vorschnell als wirtschaftliches Interesse missverstehen. Es handelt sich um interkulturelle Neugier. Andere sammeln Briefmarken. Die FIFA sammelt Gastgeber mit nahezu unbegrenzten Investitionsbudgets.
Am Ende wird vermutlich auch 2034 wieder die „beste WM aller Zeiten“ stattfinden. Das ist das Schöne an diesem Titel: Er besitzt bei der FIFA kein Verfallsdatum. Jede Weltmeisterschaft ist die beste aller Zeiten, bis die nächste noch besser vermarktet werden muss.
Ein Präsident zum Anfassen – sofern man VIP-Zugang besitzt
Infantino ist trotz seiner globalen Bedeutung ein Mann des Volkes geblieben. Man trifft ihn überall dort, wo sich das einfache Volk aufhält: in Präsidentenpalästen, auf Ehrentribünen, bei Staatschefs und im Innenraum eines WM-Finales.
Nach dem Endspiel 2022 gelangte auch der als Salt Bae bekannte Gastronom Nusret Gökçe auf den Rasen. Er bedrängte Lionel Messi für ein Foto und berührte den WM-Pokal, obwohl dies eigentlich nur einem sehr begrenzten Personenkreis erlaubt ist. Die FIFA untersuchte anschließend, wie Personen „unberechtigten Zugang“ erhalten hatten.
Man sollte daraus jedoch keine falschen Schlüsse ziehen. Der Vorfall bewies lediglich, dass Fußball wirklich alle verbindet – vorausgesetzt, sie besitzen berühmte Restaurants, prominente Kontakte und ein ausreichend fotogenes Salzstreuverfahren.
Auch Infantino selbst versteht die Macht des Bildes. Wo ein Pokal, ein Staatsoberhaupt oder eine Siegerehrung auftaucht, ist der FIFA-Präsident meist nicht weit entfernt. Das ist keine Selbstinszenierung. Er stellt lediglich sicher, dass historische Momente später eindeutig der richtigen Verwaltungsepoche zugeordnet werden können.
Lebenslange Präsidentschaft jetzt!
Ohne Gianni Infantino wäre Fußball womöglich nur ein albernes Spiel, bei dem 22 Menschen einem Ball hinterherlaufen. Erst durch ihn wurde daraus ein globales Wohltätigkeitsprojekt für bedürftige Funktionäre, Sponsoren, Medienkonzerne und Gastgeberstaaten.
Er hat mehr Mannschaften, mehr Spiele, mehr Flugreisen und mehr Einnahmen geschaffen. Er kann sich innerhalb weniger Minuten in ganze Bevölkerungsgruppen hineinfühlen. Er gewinnt Wahlen ohne Gegenkandidaten. Und er hat bewiesen, dass „Football Unites the World“ vor allem dann gilt, wenn alle 211 Verbände gleichzeitig die Hand für weitere finanzielle Umverteilung aufhalten dürfen.
Eine weitere Amtszeit wäre daher viel zu bescheiden. Der Weltfußball sollte über eine lebenslange Präsidentschaft nachdenken. Alternativ käme eine Heiligsprechung infrage – allerdings nur, wenn die FIFA die zuständige Kommission selbst besetzen und über das Ergebnis per Akklamation abstimmen darf.
Dann könnte Infantino endlich vor die Welt treten und jene Worte sagen, auf die der Fußball seit Jahren wartet:
Heute fühle ich mich unersetzlich.